Zeitlos, geistlos, arm.
Kulturmagazin Bodensee :: Juli / August
„Zeitlos“ war früher immer positiv besetzt: geschmackvoll, klare Linien, gute Proportionen, wohl überlegter Materialeinsatz und nicht modisch. Bauhaus zum Beispiel.
Da sagte man: Das ist zeitlos.
Doch wirklich zeitlos scheint mir heutzutage etwas ganz anderes:
Manager, Väter, Mütter, Ärzte, Kollegen, Freunde – niemand hat Zeit.
Gewiss einer der meistgesagten Sätze unserer Epoche lautet:
„Ich habe doch keine Zeit“.
Darin dokumentiert sich gleichsam eine Zeitarmut, deren Charakteristikum
geistige und soziale Verarmung ist: kein Gespräch, kein Dialog, keine Kreativität, keine Phantasie, keine Kontemplation, keine Freunde – außer in Facebook ;-((
– keine Kinder, kein....
Studien sagen, der Deutsche habe eben nicht einmal mehr Zeit für Sex.
Diese scheinbare Zeitarmut ist selbstverständlich eine Suggestion: Jeder Tag wird in 24 Stunden eingeteilt, also 1.440 Minuten, respektive 86.400 Sekunden.
Haben oder nicht haben – das ist gar nicht die Frage!
Die Frage ist, was ich damit mache.
Fernsehen: 223 Minuten, Radio: 128 Minuten, Internet 85 Minuten, Zeitungen und Zeitschriften: 28 Minuten... – allein das ergibt in der Summe schon über 5 Stunden Mediennutzung.
Hinzu kommen ja meist noch 1,5 Stunden Bad und Toilette, 2 Stunden für Nahrungsaufnahme und 20 Minuten für Mobilität.
Bleiben im Moment 24 minus 9 Stunden = 15 Stunden.
Davon gehen in der Regel 8 Stunden für Arbeit drauf, bleiben also 7, und das ist genau die durchschnittliche Schlafdauer der Deutschen.
Tja, woher also irgendeine Sonderposition Zeit nehmen?
Tatsächlich stimmt diese Rechnung nicht ganz: Etliche Medien sind so genannte Parallelmedien, sie werden gewissermaßen nebenher genutzt, dennoch wird ein ganz erheblicher Teil unserer Zeit zunehmend für Mediennutzung aufgewendet.
„Ich habe doch keine Zeit“ hat sich allerdings eher zu einer Anerkennungsfloskel entwickelt. Stellen Sie sich einmal vor, in einer „wichtigen“ Runde würde jemand einfach so sagen „Ja, ich habe jede Menge Zeit“ – völlig undenkbar! Solche Signale
würden sofort die Frage aufwerfen, ob dieser Mensch womöglich krank ist, ob er eine Therapie benötigt? Ein so geouteter Zeitbesitzer würde mit seiner sozialen Anerkennung kämpfen müssen! Dieser Mensch würde sein Umfeld brüskieren: Das
macht man nicht! Man hat nicht Zeit! Das gehört sich nicht!
Schließlich klingt das nach herumsitzen, lungern, nichts tun (igitt! Nichts tun!).
Moralisch und ethisch gehören Zeitbesitzer in eine andere Gesellschaft! Man sieht ja was aus Griechenland geworden ist, nicht wahr!
Keine Zeit zu haben verschafft Bedeutung, Anerkennung und Respekt! Keine Zeit zu haben bedeutet vollen Einsatz, Disziplin, Hartweizengrieß statt Weichei. Keine Zeit zu haben gilt in unserer Epoche skurrilerweise als sexy. Das wäre noch ein
schönes Thema! Aber dafür hab’ ich keine Zeit!
PDF als Download



